#FahrSicher
WISSENSCHAFTLICHE KLAMMER: WARUM DIESES KONZEPT WIRKT
Forschung zur Kriminalitätsprävention und Sicherheitswahrnehmung zeigt übereinstimmend: Sicherheit im öffentlichen Raum entsteht selten durch einzelne Maßnahmen. Wirksam sind vielmehr aufeinander abgestimmte Präventionsbausteine, die situative Bedingungen, die Perspektive potenziell Betroffener sowie den sozialen Raum gemeinsam in den Blick nehmen. Die Sicherheitsforschung unterscheidet dabei insbesondere drei sich ergänzende Ansätze:
• Situative Prävention, die Tatgelegenheiten reduziert und Situationen entschärft,
• opferorientierte Prävention, die Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit stärkt,
• sowie sozialraum- und kommunalorientierte Prävention, die Schutzfaktoren im Umfeld
aufbaut und kriminalitätsbegünstigende Bedingungen abbaut. Entscheidend ist: Diese Ansätze wirken am stärksten im Zusammenspiel. Maßnahmen entfalten ihre präventive Wirkung häufig nicht isoliert, sondern als Teil eines Gesamtkonzepts, das Technik, Gestaltung und soziale Intervention sinnvoll verbindet.
Das Programm „FahrSicher“ folgt genau dieser evidenzbasierten Logik. Es verzichtet bewusst auf reine Symbolpolitik oder einseitige Kontrollstrategien und setzt stattdessen auf ein Maßnahmenbündel, das Unsicherheit frühzeitig adressiert, Handlungssicherheit schafft und öffentliche Räume so gestaltet, dass sie als sicher wahrgenommen und genutzt werden.
AUSGANGSLAGE
Das subjektive Sicherheitsempfinden auch im öffentlichen Personennahverkehr der Region Hannover ist in den vergangenen Jahren spürbar gesunken. Besonders an Haltestellen sowie in Bussen und Bahnen fühlen sich viele Menschen – insbesondere Frauen, Jugendliche und ältere Menschen – unsicher. Trotz einem Rückgang der Straftaten verbessert sich die Stimmungslage nicht. Dazu passen folgende Zahlen:
Dennoch dürfen Polizei, Politik und Verwaltung die Menschen nicht mit der gefühlten Unsicherheit allein lassen. Dieses Unsicherheitsgefühl beeinflusst Mobilität, Teilhabe und Lebensqualität. Es führt dazu, dass Wege vermieden, Angebote nicht genutzt oder Alternativen gesucht werden.
Wichtig ist dabei: Sicherheit entsteht nicht allein durch Kontrolle oder Eingriffe nach Vorfällen. Sicherheit entsteht dort, wo Räume übersichtlich sind, Menschen präsent und ansprechbar sind und niemand das Gefühl hat, allein gelassen zu werden.
ZIEL DER INITIATIVE „FAHRSICHER“
Ziel der Initiative ist es, dass sich die Menschen in der Region Hannover wieder sicher fühlen, wenn sie mit Bus und Bahn unterwegs sind – insbesondere in den Abend- und Nachtstunden.
„FahrSicher“ setzt dabei bewusst auf präventive, sichtbare und soziale Maßnahmen, die das Sicherheitsgefühl nachhaltig stärken.
1. HANDLUNGSFÄHIGKEIT IN UNSICHERHEITS- UND GEFAHRENSITUATIONEN
Forschung zeigt: Eine verstärkte sichtbare Präsenz von Polizei oder Ordnungskräften kann ambivalent wirken. Sie kann zwar Sicherheit signalisieren, wird aber zugleich oft als Hinweis wahrgenommen, dass „etwas nicht stimmt“. Für das subjektive Sicherheitsgefühl ist deshalb nicht allein Sichtbarkeit entscheidend, sondern vor allem die Gewissheit, in einer als bedrohlich empfundenen Situation schnell und wirksam reagieren zu können.
MAßNAHMEN:
• Schaffung niedrigschwelliger Kontaktmöglichkeiten für Fahrgäste zu einer Leitstelle
(Verkehrsbetriebe oder Polizei)
o digitale Funktion in der ÜSTRA- und regiobus-App
o klar erkennbar und einfach nutzbar nach dem Prinzip: „Ich fühle mich gerade unwohl“
• Technische Kopplung mit bestehenden Systemen in Fahrzeugen und an Haltestellen
o z. B. Aktivierung eines sichtbaren Signals (rotes Licht) an bereits vorhandenen
Kameras / Prüfung von Einsatzmöglichkeiten des eigenen Mobilfunkgerätes durch
z.B. einen QR-Code
o Einsatz von KI bei der Videoüberwachung.
o eindeutige Zuordnung des Fahrzeugs bzw. Bereichs für die Leitstelle
• Geschulte Leitstellenreaktion:
o Einschätzung der Lage (auch bei subjektivem Unsicherheitsgefühl)
o situationsangemessene Reaktion: Ansprache, Information des Fahrpersonals, Hinzuziehen von Unterstützung
WIRKUNG:
Fahrgäste wissen: Wenn sich eine Situation unsicher anfühlt, bin ich nicht allein. Hilfe ist erreichbar, ohne dass es eskalieren oder erst zu einer Straftat kommen muss.
2. GESTALTETE, SAUBERE UND OFFENE HALTESTELLEN
Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wahrnehmung öffentlicher Räume zeigen: Sicherheit wird nicht allein durch Helligkeit hergestellt. Ebenso wichtig sind Sauberkeit, Ordnung und ein gepflegtes Erscheinungsbild. Unsaubere, beschädigte oder vernachlässigte Orte werden deutlich häufiger als unsicher wahrgenommen – unabhängig von der tatsächlichen Kriminalitätslage. Sicherheit entsteht dort, wo Räume übersichtlich, gut beleuchtet, sauber und sichtbar genutzt sind. Mit dem Programm „Helle Haltestellen“ werden Haltestellen deshalb ganzheitlich als Aufenthaltsorte gestaltet – nicht nur technisch, sondern auch sozial.
MAßNAHMEN:
• Verbesserung von Beleuchtung, Sichtlinien und räumlicher Übersicht
• Erhöhung von Sauberkeit, Pflege und Instandhaltung
• Einsatz vandalismussicherer und langlebiger Materialien
• Aufwertung der Aufenthaltsqualität (Sitzgelegenheiten, offene Gestaltung, gute Orientierung)
• Beteiligung der Bevölkerung bei Planung und Gestaltung:
o Fahrgastbeirat
o Jugendvertretungen
o Senior*innen- und Behindertenbeirat
o lokale Akteurinnen und Anwohnerinnen
WIRKUNG:
Saubere, gepflegte und gemeinsam gestaltete Orte werden als sicherer wahrgenommen. Beteiligung schafft Identifikation – und damit soziale Aufmerksamkeit, die präventiv wirkt, noch bevor Unsicherheit entsteht.
3. MOBILE, AUFSUCHENDE SOZIALARBEIT & PRÄVENTION IM UMFELD DES ÖPNV
Erkenntnisse aus der Sicherheits- und Präventionsforschung zeigen: Soziale Arbeit wirkt besonders dann präventiv, wenn sie nicht direkt in konfliktanfälligen Situationen oder an hochfrequentierten Haltestellen selbst ansetzt, sondern im unmittelbaren Umfeld. Aufsuchende Sozialarbeit kann dort frühzeitig Beziehungen aufbauen, Spannungen abbauen und Eskalationen vorbeugen – bevor sie sich in Bussen, Bahnen oder an Haltestellen entladen. Sicherheit entsteht so nicht durch Eingreifen im Moment der Unsicherheit, sondern durch kontinuierliche soziale Präsenz im Alltag.
MAßNAHMEN:
• Stärkung mobiler, aufsuchender (Jugend-)Sozialarbeit im Umfeld von ÖPNV-Knotenpunkten
o Präsenz in angrenzenden Quartieren, Treffpunkten und Aufenthaltsbereichen
o Beziehungsarbeit statt Kontrolle
• Enge Abstimmung zwischen Sozialarbeit, Verkehrsbetrieben und Kommunen
o frühzeitiger Austausch über Entwicklungen und Problemlagen
o klare Kommunikationswege ohne Stigmatisierung
• Aufbau und Verstetigung eines regionalen Präventionsnetzwerks „Gemeinsam FahrSicher“:
o Region Hannover
o ÜSTRA und regiobus
o Kommunen
o Polizei
o Jugendhilfe, Frauenberatung und soziale Träger
o Vereine sowie Fahrgast- und Senior*innenvertretungen
WIRKUNG:
Mobile, aufsuchende Sozialarbeit entschärft Konflikte dort, wo sie entstehen. Sie stärkt soziale Bindungen im Umfeld des ÖPNV und trägt dazu bei, dass Unsicherheit gar nicht erst in den Fahrzeugen oder an Haltestellen sichtbar wird.
VERANTWORTUNG UND UMSETZUNG
Die Region Hannover übernimmt die koordinierende Verantwortung für die Umsetzung von „FahrSicher“ – gemeinsam mit Verkehrsunternehmen, Kommunen und zivilgesellschaftlichen Partnern.
Das Programm steht für:
• klare Zuständigkeiten
• verlässliche Umsetzung
• überprüfbare Maßnahmen
Keine Symbolpolitik.
Keine Zuständigkeitsdebatten.
Konkrete Schritte für spürbare Sicherheit im Alltag.